Machtspiele

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21. Februar 2017
Machtspiele in der Liebe - Beziehungstipps von Ulrike Dahm

Machtspiele in der Liebe

Was wir nicht selbst entwickeln, das heiraten wir

Wenn wir uns verlieben, erscheint die Welt voller neuer Möglichkeiten. Oft erkennen wir uns selbst nicht wieder  und ganz neue Seiten von uns treten in Erscheinung.

Da wir von der geliebten Person viel Aufmerksamkeit erhalten, blühen wir auf und ungelebte Potenziale kommen zum Vorschein. Vielleicht wird ein bisher sehr kontrollierter und rationaler Mann plötzlich romantisch, schreibt Liebesbriefe, Gedichte und setzt sich über jegliche Vernunft hinweg, während eine Frau, die bis zu diesem Zeitpunkt an Sex nicht sonderlich interessiert war, auf einmal nicht mehr genug davon kriegen kann.

Der innere Antreiber, der bis dato keine Zeit für ein Privatleben ließ, wird beiseite geschoben. Die Arbeit kann warten, es ist jetzt wichtiger, Zeit mit dem geliebten Menschen zu verbringen. Ein voller Terminkalender? Das war einmal.

Auch der innere Kritiker zieht sich zurück. Der Blick in den Spiegel wird ein anderer, wenn wir geliebt werden. Wir finden uns attraktiv und begehrenswert. Aus Pessimisten werden Optimisten, aus Couch-Potatoes aktive Menschen.

Zu Anfang einer Beziehung sind wir einfach fasziniert vom anderen. Er scheint all das zu verkörpern, was uns zu unserem Glück gefehlt hat, und wir sehnen jeden Augenblick herbei, den wir mit ihm zusammen verbringen können. Es ist, als wären wir in eine neue, bisher verborgene Welt eingetreten.

In Wirklichkeit hat sich die Welt nicht verändert, sehr wohl aber unsere Sichtweise. Die sprichwörtliche rosarote Brille färbt alles positiv ein. Wenn wir verliebt sind, nehmen wir uns und unsere Umwelt mit neuen Augen wahr.

Die Attraktivität der Gegensätze 

Häufig verlieben wir uns in Menschen, die verschieden von uns sind. Nicht umsonst sagt ein Sprichwort: Gegensätze ziehen sich an. Diese Gegensätze bereichern zunächst die eigene kleine Welt und machen sie bunt und lebendig. Beide Partner zeigen ihre Schokoladenseite, um den anderen für sich zu gewinnen.

Das Innere Kind traut sich aus der Deckung, denn es fühlt sich aufgehoben und erhält viel Zuwendung. Wir sind mit dem Partner in einem positiven Bindungsmuster, das heißt, dass zu Beziehungsbeginn der Mann für das Innere Kind der Frau ein guter, verständnisvoller Vater ist, und die Frau für das Innere Kind des Mannes eine liebevolle Mutter. Endlich liebt uns jemand so, wie wir sind, so scheint es zumindest.

Doch was so hoffnungsfroh begann, kann sich schnell ins Gegenteil verkehren. Manchmal genügt ein kleiner Schritt des Partners heraus aus der anfänglichen Symbiose, und das verletzliche und bedürftige Kind ist verunsichert und zieht sich zurück. Unsere Hauptstimmen, d. h. unsere alten Muster übernehmen wieder das Ruder.

Wie das innere, verletzte Kind an Macht gewinnt

Tatsächlich ist das Innere Kind eine der am meisten verdrängten Seiten in Beziehungen. Durch seine Unterdrückung wird es noch verletzlicher und bedürftiger, und so beginnt es aus dem Untergrund heraus immer mächtiger zu werden, bis sich beide Partner nur noch als Opfer fühlen.

Und da wir meist nicht gelernt haben, wie wir uns aus einem erwachsenen Bewussten Ich heraus um das Innere Kind kümmern können, schieben wir es dem Partner zu mit der unausgesprochenen Bitte, er möge sich so verhalten, dass das Kind keine Angst hat und sich angenommen und sicher fühlt.

Dass das auf die Dauer nicht funktionieren kann, weil es den Partner heillos überfordert und es auch nicht seine Aufgabe ist, »Babysitter« zu spielen, ist ziemlich klar.

Es ist für mich als Therapeutin immer interessant zu schauen:
Wer führt da mit wem eine Beziehung?

Meist kennen zwei Menschen nur bestimmte Seiten voneinander, während andere verborgen bleiben. Die Anteile, die die Beziehung bedrohen könnten, werden aus der Partnerschaft herausgehalten.

Ein Beispiel: Der fremdgehende Mann

Ich erinnere mich an einen Mann, der verheiratet war und eine heimliche Geliebte hatte. Er könne sich nicht zwischen den beiden Frauen entscheiden, sagte er. Während er zu Hause den Nachgiebigen und Duldsamen spielte, der um des lieben Friedens willen seine Bedürfnisse zurückstellte, hatten sich sein »Egoist« und »Abenteurer« auf eine Affäre eingelassen.

Anfangs hatte er die Sache sehr genossen. Doch schon bald brachte auch die neue Beziehung Probleme mit sich. Die Geliebte wollte mehr, und es fiel ihm schwer, sich abzugrenzen. Aus dem »Abenteurer« war nach kurzer Zeit auch bei der neuen Frau ein »Angepasster« geworden. Nun hatte er ein doppeltes Problem. Er hatte sein Beziehungsmuster in die Affäre mitgenommen. Im Versuch, die Frauen nicht zu verletzen, verletzte er sich permanent selbst.

Solange wir unser Selbst nicht gut kennen und wichtige Teile abspalten, können wir keine wirkliche Nähe und Vertrautheit erfahren. Wir werden uns nie ganz offenbaren und nur Bruchstücke von uns preisgeben. Nur wenige Menschen können ihrem Partner angstfrei begegnen. Dazu bedarf es einer großen Reife.

Wir verdrängen unsere Verletzlichkeit

Die meisten Menschen verdrängen ihre Verletzlichkeit und fangen an, Machtspiele zu spielen. Fühlen sie sich verletzt oder verunsichert, so ziehen sie sich zurück, klagen den Partner an oder fangen an zu klammern. So entstehen destruktive Bindungsmuster, die häufig dem Bindungsmuster in ihrer Ursprungsfamilie gleichen.

Interessanterweise wird genau das, was uns zu Beginn der Beziehung angezogen hat, sehr bald zum Zankapfel und Konfliktstoff. Jeder ist für den anderen Träger derjenigen Aspekte seiner Persönlichkeit, die er leugnet und mit denen er nichts zu tun haben will.

Als ich meinen Mann kennenlernte, war ich fasziniert von seiner Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Doch schon bald fing ich an, ihn zu beschuldigen, dass er die Dinge zu leicht nehme und oberflächlich sei.

Es kostete mich viel Zeit und Mühe, mich mir selbst zuzuwenden, statt mich gegen ihn zu stellen. Was ich dort in meinem Inneren fand, war meine eigene Unfähigkeit, loszulassen, Kontrolle aufzugeben und spielerischer mit dem Leben umzugehen.

Helga und Sven: die Chefsekretärin und der Künstlertyp

Auch bei Helga und Sven wirkte das, was sie anfänglich gegenseitig anzog, sich schon bald gegenteilig aus. Helga ist Chefsekretärin bei einem renommierten Autokonzern. Sie lebt in einer großzügigen Eigentumswohnung, die sie sich selbst erarbeitet hat. Darauf ist sie sehr stolz. Die Wohnung hat sie mit schlichter Eleganz eingerichtet, und sie achtet sehr darauf, dass alles seine Ordnung hat. Zum ganz großen Glück fehlt ihr nur noch der passende Partner.

Als sie Sven bei einem Rockkonzert kennenlernt, schwebt sie im siebten Himmel. Sie bewundert seine Unbeschwertheit, seine Spontaneität und Lockerheit. Er ist Musiker, schreibt wunderschöne Lieder, und auch ihr widmet er nach der ersten gemeinsamen Nacht einen Song.

Helga entdeckt völlig neue Seiten an sich. Während sie bisher sehr häuslich war, zieht sie jetzt mit Sven um die Häuser, nimmt Klavierunterricht und geht tanzen. Dass Sven mit seinen zweiundvierzig Jahren noch in einem winzigen Apartment in seinem Elternhaus wohnt, stört sie nicht. Als Sven wenige Wochen nach der ersten Begegnung mit einem selbstgepflückten Wiesenblumenstrauß vor ihrer Tür steht und ihr einen Heiratsantrag macht, ist die bislang nicht gerade entscheidungsfreudige Helga gerührt und sagt Ja.

Sven zieht bei ihr ein. Er ist angetan von der luxuriösen Wohnung, der tollen Frau und nimmt das Angebot gern an. Viel Gepäck bringt er nicht mit, ein paar Klamotten und seine Gitarren.

Das Liebesglück entwickelt sich zum Machtspiel

Bald trüben die ersten Wolken das junge Liebesglück. Während Helga morgens um sechs aufstehen muss, liegt Sven oft bis Mittag noch im Bett.

Und wenn sie abends zunehmend müde nach Hause kommt, sieht die Wohnung chaotisch aus. Sven ist ein Nachtmensch. Oft ist er mit seiner Band unterwegs und kommt erst in den frühen Morgenstunden heim.

Als Sven und seine Kumpels wieder einmal ihren Kühlschrank leer geräumt haben, platzt Helga der Kragen, und es kommt zum Streit. Beide sind zum Träger der Schattenseiten des jeweils anderen geworden.

Jetzt ist Svens Unbeschwertheit und Lockerheit für Helga nicht mehr anziehend, sondern nur noch nervig. Sie bezeichnet ihn als Chaoten und Traumtänzer, der sich wie die Made im Speck bei ihr eingenistet hat. Und Helgas Ordnungssinn wird von Sven als Zwanghaftigkeit und Pedanterie abgetan.

Der anfängliche Zündfunke hat sich in den Treibstoff für tägliche Reibereien verwandelt.

Polarisierungen in Beziehungen

Willkommen im Reich der Schattenprojektion. Alles, was uns am Partner stört und nervt, repräsentiert einen Schattenanteil von uns selbst. So geraten wir in polare Gegensätze wie aktiv – passiv, introvertiert – extravertiert, ordentlich – schlampig, Nähe suchend – Distanz suchend, geizig – verschwenderisch.

Es kommt zu einer emotionalen »Arbeitsteilung«:
Ich lebe die eine Seite, du die andere.

Ein typisches Gesprächsmuster könnte dann so lauten:
»Wenn du nicht so passiv wärst, müsste ich mich nicht ständig um alles kümmern.«

Der andere meint:
»Und wenn du nicht so überaktiv wärst, käme ich auch mal zum Zug.«

Beide schieben klassischerweise die Verantwortung für die angespannte Situation zum anderen und machen sich damit zum Opfer. Und wer Opfer ist, kann nicht handeln.

Vom anderen lernen

Statt zu erkennen, dass es beim anderen etwas zu lernen und in die eigene Persönlichkeit zu integrieren gilt, nämlich genau das, was ich am anderen beklage, wird der Partner bekämpft, und man will ihm die Vorzüge des eigenen Verhaltens schmackhaft machen.
»So, wie ich bin, ist es richtig! Du musst dich verändern.«

Als Eva und Tom sich kennenlernen, sagen alle Freunde: Das kann doch nicht gut gehen. Die beiden sind so verschieden, verschiedener geht es gar nicht.

Eva und Tom: Sie – lebenslustig, er – introvertiert

Tom ist sehr introvertiert, ein stiller, eher zurückgezogen lebender Mensch. Aber genau das tut Eva so gut. Sie ist sehr außenorientiert, immer unterwegs, und mit Tom kommt sie zur Ruhe. Tom wiederum gefällt es, dass Eva so lebendig ist und ihn aus seinem Schneckenhaus herausholt.

Für die beiden ist der jeweils andere die perfekte Ergänzung. Was ihnen noch nicht klar ist, dass der andere in seiner Unterschiedlichkeit den eigenen Schatten lebt.

Sie kommen zu mir in Therapie, als Eva, spontan wie sie nun mal ist, schon bald mit Tom zusammenziehen will. Tom geht das alles zu schnell. Er fühlt sich von Eva überfahren, während sie ihn als zögernd und zaudernd wahrnimmt und an seiner Liebe zu zweifeln beginnt.

Die emotionale Arbeitsteilung hat begonnen:
Während Eva den optimistischen Part übernimmt, schlägt Tom sich auf die pessimistische Seite. Sie sucht die Nähe, er die Distanz.

Heftige Streits und Missverständnisse

Heftige Streits entstehen, ein Missverständnis jagt das andere. Weder kann Eva wahrnehmen, dass selbstverständlich auch sie ihr eigenes Leben braucht, noch kann Tom erkennen, dass auch er tief in sich verborgen das Bedürfnis nach Intimität und Nähe hat.

Jeder lässt den anderen stellvertretend für sich selbst das Verdrängte, die eigene Schattenseite ausleben und bekämpft sie.

Es passt einfach nicht zu Toms Selbstbild, etwas zu brauchen. Er sieht sich am liebsten als autonom, dann kann er auch nicht verletzt werden.

Und Evas Selbstbild lässt einfach nicht zu, dass sie Tom Raum gibt und entspannt abwartet. Beide delegieren die eigene gefürchtete, unbewusste Schattenseite auf den anderen.

Das Leben will, dass wir ganz sind.

Alles, was uns zu dieser Ganzheit fehlt, kommt so lange im Außen auf uns zu, zum Beispiel in Form von ausbeuterischen Chefs, verschwenderischen Partnern, Leistung verweigernden Kindern usw., bis wir es integriert haben.

Wie sonst ließe sich erklären, dass ein Mensch, der es allen recht machen will, permanent auf Vorgesetzte oder Kollegen trifft, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und ihn ausnutzen?

Anstatt zu kündigen und zu hoffen, dass an der nächsten Arbeitsstelle alles anders wird, könnte sich dieser Mensch fragen, was am Verhalten des Chefs sehr wohl für ihn integrierenswert sein könnte.

Das ist aber auf den ersten Blick häufig nicht leicht zu erkennen, weil wir in der Ablehnung des Nichtintegrierten gefangen sind.
»So wie dieser Egomane will ich nicht sein«, sagen wir dann.
»Was soll schon an einem dominanten, egoistischen Verhalten positiv sein?«

Das verborgene Geschenk einer abgelehnten Eigenschaft

Aber im Kern jeder Eigenschaft, die ich an mir selbst oder an jemand anderem ablehne, gibt es ein verborgenes Geschenk. Wir müssen nur tief genug graben.

Ein dominanter, egoistischer Mensch kann sich zum Beispiel gut durchsetzen und für seine Wünsche einstehen. Er hat Selbstbewusstsein. Und das wäre jemandem, der der Erfüllungsgehilfe der Wünsche anderer ist, dem es an Selbstwert mangelt, sehr wohl zu wünschen.

‚Bitte verändern Sie meinen Partner!‘

Paare, die in Therapie kommen, wissen meist sehr genau, was der Partner falsch macht und verändern müsste. Ihren eigenen Fehlern und Schwächen gegenüber sind sie jedoch häufig blind. Es ist schon ein gehöriges Maß an persönlicher Reife erforderlich, sich selbst ehrlich anzuschauen.

Nur allzu oft erhalte ich zu Beginn einer Paartherapie einen geheimen Auftrag: »Ich bin okay. Bitte verändern Sie meinen Mann (meine Frau) so, dass es mir besser geht.«

Diese Haltung ist verständlich, aber nicht hilfreich. Wir können den anderen nicht verändern, das kann er nur selbst tun. Warum also Zeit und Energie darauf verschwenden, dass der Partner sich verändert? Warum ihm Bücher unterschieben, damit er endlich mal kapiert, was für ein unmöglicher Mensch er ist?

Vor allem Frauen erschöpfen sich in ihren Partnerveränderungsbemühungen. Sie sehen oft das Potenzial ihres Partners anstatt des Menschen, der er hier und jetzt ist. So können sie der Selbstkonfrontation elegant ausweichen.

Wir können nur bei uns etwas verändern. Es ist eine alte systemische Weisheit, dass, wenn ein Teil des Systems sich verändert, das ganze System einer Veränderung unterworfen wird. Es kann nicht bleiben, wie es ist. Nutzen wir also die Schwierigkeiten in unserer Partnerschaft zu Selbsterkenntnis und für unser eigenes Wachstum.

Wir haben uns diesen Menschen nicht umsonst ausgesucht. Er ist hier und jetzt genau der Richtige, sonst wären wir nicht (mehr) mit ihm zusammen. Fragen wir uns also: Was kann ich von ihm lernen? statt sein Verhalten pauschal abzuwerten.

Auszug aus:
Ulrike Dahm Schattenheilung
Die dunkle Seite der Seele befreien

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